Überspringen

Schneller als Zufußgehen

Micromobility: E-Scooter
Auf seinem Triumphzug durch Europa ist der E-Scooter inzwischen auch in Deutschland angekommen. Welche Folgen der elektrische Tretroller für die Mobilität in den Innenstädten hat, zeigt das Beispiel Wien.

Wollte man, ganz theoretisch, mit einem elektrisch angetriebenen Tretroller eine Europareise machen, man müsste sich von Land zu Land auf immer neue gesetzliche Bestimmungen einstellen:

  • In Italien dürfen E-Scooter in Fußgängerzonen 6 Stundenkilometer (km/h) schnell sein, auf der Fahrbahn 20 km/h; nachts und bei starkem Regen sind sie verboten.
  • In Spanien dürfen sie Radwege, Busspuren sowie Fahrbahnen benutzen, auf denen nur 30 km/h schnell gefahren werden darf; Unter-16-Jährige müssen einen Fahrradhelm tragen.
  • In Griechenland muss man mindestens 18 Jahre alt und darf maximal 20 km/h schnell sein.
  • In Österreich dürfen E-Scooter eine Bauartgeschwindigkeit von maximal 25 km/h aufweisen und müssen Radwege benutzen und Fahrbahnen, wo es diese nicht gibt.
  • In Deutschland dürfen E-Scooter bis zu 20 km/h schnell sein; benutzt werden dürfen sie ab 14 Jahren auf Radwegen und gegebenenfalls auf Fahrbahnen. Außerdem gibt es eine Versicherungspflicht.
Petra Jens
Für die Mobilitätsagentur Wien beobachtet Expertin Petra Jens die Entwicklung der E-Scooter (Foto: Mobilitätsagentur Wien/Regina Huegli)

So unterschiedlich die gesetzlichen Regelungen sind, weltweit steht der elektrische Tretroller für eine Erfolgsgeschichte. Ein Dutzend in dem Bereich aktive Start-ups haben bereits mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar an Finanzierung eingesammelt, so die Boston Consulting Group. Das Volumen des Weltmarkts im Jahr 2025 schätzt die Unternehmensberatung auf 40 bis 50 Milliarden US-Dollar.

In San Francisco begann der Siegeszug des E-Scooters 2018. Einige Start-ups stellten ihre Roller in die Stadt, zu entleihen waren sie über eine App. Der Enthusiasmus von Bürgern und Touristen beim Entleihen war indes so groß wie die Disziplin beim Wieder-Abstellen klein. Und schnell waren alle genervt davon, dass überall E-Scooter herumlagen – auf Fahrbahnen, Bürgersteigen und sogar in Vorgärten. Die Stadt reagierte schnell, begrenzte die Zahl der Anbieter und vereinbarte Regeln.

Wien begrenzt Zahl der Roller

Nicht die Zahl der Anbieter, sondern die Anzahl der Fahrzeuge pro Anbieter wurde in Wien begrenzt, wo E-Scooter seit Anfang 2019 zugelassen sind. Maximal 1.500 Roller darf dort ein Unternehmen betreiben, erklärt Petra Jens, Fußgängerbeauftragte bei der Mobilitätsagentur Wien. Die Agentur hat die Förderung des Radverkehrs und des Zufußgehens zur Aufgabe und beobachtet deshalb auch die E-Scooter genau.

In Österreichs Hauptstadt betreiben mittlerweile insgesamt sechs Vermieter den stationslosen Verleih von elektrischen Tretrollern. Hinter den Anbietern Lime, Bird, Tier Mobility, Wind Mobility, Circ und Hive stehen oftmals große Namen: Lime wird unter anderem von Google finanziert, Hive von BMW und Daimler. Zusammen haben die sechs über 7.000 Fahrzeuge angemeldet. „Niemand hat damit gerechnet, dass so viele Anbieter auf den Markt drängen“, erklärt Petra Jens.

Dem Radverkehr gleichgestellt

Grundsätzlich sieht die Stadtverwaltung E-Scooter erst einmal positiv: „Sie sind platzsparender als ein Auto, und man ist schneller, als wenn man zu Fuß geht.“ Rechtlich sind die E-Scooter in Österreich dem Radverkehr gleichgestellt. Das heißt, ab einem Alter von 12 Jahren dürfen Menschen die Roller selbstständig fahren. Sie müssen die Radwege benutzen beziehungsweise die Fahrbahn, wo es keine Radwege gibt.

Was E-Scooter von Fahrrädern unterscheidet: Sie haben zwar eine Beleuchtung, sind aber nicht im gleichen Maße mit Rückstrahlern ausgestattet, sie erreichen nicht die gleiche Verzögerung beim Bremsen wie Räder, und man kann keine Handzeichen zum Abbiegen geben, weil man beide Hände an der Lenkstange behalten muss. Führt das zu vermehrten Unfällen? „Es kommt zu Unfällen wie bei allen anderen Fahrzeugen auch. Ob die Unfallzahlen dadurch signifikant steigen, ist bisher nicht belegt“, sagt die Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien.

Belastung von Radwegen

Kritisch sieht sie die zunehmende Belastung von Radwegen. „Diese teilen sich die Radfahrer ohnehin schon mit E-Bikes und Lastenrädern.“ Die Mobilitätsagentur Wien fordert deshalb einen weiteren Ausbau der Fahrradinfrastruktur. Wenn auch Bürgersteige für das Fahren von E-Scootern tabu sind, geparkt werden sie nicht selten darauf. Wie in San Francisco und auch in Paris führte das in Wien zu Unmut. „Die Scooter stehen nicht sehr stabil und fallen schnell um. Und oft werden sie so abgestellt, dass sie Zufußgehende behindern“, erklärt Petra Jens. „Das führt unter anderem zu Problemen mit dem taktilen Blindenleitsystem am Boden.“

Kurzer Lebenszyklus

Was die Mobilitätsagentur Wien außerdem bemängelt: „Der Lebenszyklus eines E-Scooters beträgt im Schnitt zwei Monate.“ Dann würden die Fahrzeuge repariert oder gleich verschrottet. „Das ist kein nachhaltiger Ressourceneinsatz“, beklagt Petra Jens.

Ob E-Scooter im gesamten Verkehrsmix die Nachhaltigkeit erhöhen ist ebenso fraglich. Die durchschnittliche Entleihdauer in Wien liegt bei zehn Minuten. Kann man daraus schließen, dass die Roller hauptsächlich auf Strecken eingesetzt werden, die sonst zu Fuß zurückgelegt worden wären? „Dafür gibt es keine Evidenz“, betont Petra Jens. Man sei noch dabei zu erheben, welche anderen Mobilitätsformen E-Scooter substituierten. Eine konventionelle Mobilitätsform fördern sie selbst auf jeden Fall: Jeden Abend werden zum Teil mit Lieferwagen oder Lkw alle E-Scooter von den Straßen Wiens eingesammelt und über Nacht geladen.

Micromobility

Unter dem Begriff Micromobility werden Elektroroller, E-Bikes und E-Tretroller zusammengefasst. In diesem Markt lassen sich in Europa bis 2030 etwa 150 Milliarden Dollar umsetzen, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey, weltweit sogar bis zu 500 Milliarden. Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung lebe in Städten mit mehr als einer Million Einwohner und einer durchschnittlichen Fortbewegungsgeschwindigkeit von 15 km/h. E-Scootern könne da eine deutliche Relevanz zukommen. Und auch für die Anbieter seien sie interessant, so McKinsey. Bei Anschaffungskosten je Roller von etwa 400 US-Dollar könnte ein Anbieter schon nach gut drei Monaten die Gewinnzone erreichen. Diesem speziellen Bereich der Mobilität widmet sich auch die Hypermotion.

Die Messe Frankfurt verwendet Cookies, um Ihnen das bestmögliche Besuchserlebnis bieten zu können. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen