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„Zeitgewinn ist der Luxus der neuen Mobilität“

Beim Mobility-Tech-Unternehmen Wunder Mobility betreut sie ein spezielles Analyse-Tool für Städte, auf der Hypermotion spricht sie über alternative urbane Mobilität: Ioana Freise im Interview

Ioana Freise
Expertin Ioana Freise spricht im Hypermotion Lab über alternative Mobilität in der Stadt (Foto: Wunder Mobility)

Wunder Mobility bietet das gesamte Spektrum der neuen Mobilitätsdienste aus einer Hand an. Ihr Portfolio umfasst Software, Hardware sowie Services für Smart Shuttles, Fleet Management, Ridesharing und Carpooling. Wie schafft man es, Städte, Autohersteller, Softwareanbieter und Betreiber für eine gemeinsame nachhaltige Mobilität zusammenzubringen?

Egal ob Städte, Dienstleister oder Hersteller, alle Seiten erkennen immer mehr, dass sie heute grundsätzlich ähnliche Ziele verfolgen. Sie sind alle auf der Suche nach Lösungen für eine leicht zugängliche und nachhaltige Mobilität, denn die Bedürfnisse, vor allem der Digital Natives, verändern sich gerade rapide. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass keiner allein diese Herausforderungen meistern kann und dass die Mobilität der Zukunft ein Gemeinschaftsprojekt ist. Genau dafür wollen Angebote wie Wunder City eine Plattform bieten.

Wie können Städte die Mobilitätswende gestalten, ohne zum Spielball einzelner Dienstleister zu werden? Wie können sie sich selbst als Plattform etablieren?

Die Städte sind in einer sehr starken Position, denn sie haben die Gestaltungshoheit. Das gilt einerseits für die Regulierung, andererseits auch für den Dialog und Austausch zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Für die Verantwortlichen ist es erst mal wichtig zu verstehen, welchen Einfluss die neuen Angebote und Dienste auf die Mobilität der Menschen konkret haben. Die Grundlage dafür sind komplexe Daten aus unterschiedlichen Quellen. Städte brauchen deshalb Partner, die diese Daten verarbeiten und so anschaulich aufbereiten können, dass Entscheidungsträger ohne Hightech-Expertise die Ergebnisse schnell verstehen und Rückschlüsse aus ihnen ziehen können.

Der Start der E-Scooter hat gerade in deutschen Städten hitzige Diskussionen entfacht. Welche Rolle spielen Elektro-Kleinstfahrzeuge zukünftig – und verursachen neue Mobilitätsangebote weniger oder mehr Verkehr?

Bei jeder neuen Technologie erleben wir am Anfang eine Anpassungsphase. Und wo es Veränderungen gibt, gibt es auch Kritiker. Neue Mobilitätsdienste sind aber nicht der Verursacher von Verkehr, sondern eine Reaktion auf einen Verkehr, der nicht richtig funktioniert. Daher geht die Frage am Kern des Problems vorbei. Was wir uns eher fragen sollten: Wie können neue Formen der Mobilität dazu beitragen, ein Umdenken bei den Menschen auszulösen und uns auf eine Zukunft mit weniger privaten Verkehrsmitteln in weiter wachsenden Städten vorbereiten?

Wunder Mobility ist inzwischen in mehr als 50 Städten auf fünf Kontinenten aktiv. Wie unterscheiden sich die Anforderungen von Kontinent zu Kontinent und Stadt zu Stadt und was vereint sie?

Auf allen Kontinenten, auf denen unsere Kunden aktiv sind, sehen wir die gleichen Herausforderungen. Die Metropolen kämpfen mit verstopften Straßen, Staus und Luftverschmutzung, egal ob Manila, Mumbai oder Los Angeles. Kulturelle Unterschiede spielen aber eine Rolle, etwa in Bezug auf den privaten Autobesitz. In den USA besitzen Menschen aus allen sozioökonomischen Schichten ein Auto. Deshalb war es für Anbieter wie Uber oder Lyft naheliegend, hier ihr Geschäft zu starten. Aber auch in Deutschland ist der Besitz des „eigenen Autos“ kulturell so tief verwurzelt, dass es noch einige Zeit brauchen wird, bis die Menschen bereit sind, vollständig darauf zu verzichten. Wir sind aber schon auf einem guten Weg. In Städten wie Berlin oder Hamburg kann man bereits beobachten, dass gerade die jüngeren Menschen immer häufiger kein Auto mehr besitzen wollen.

Auf den Philippinen zum Beispiel ist die Situation ganz anders. Einerseits besitzen dort viel weniger Menschen ein Auto, andererseits gibt es meist große Probleme in der Verkehrsinfrastruktur, gerade was den öffentlichen Nahverkehr angeht. Die Bereitschaft, in einem „fremden“ Auto mitzufahren, ist dort deshalb grundsätzlich höher. Die Unterschiede spiegeln sich oft auch im Stadtbild wider. In Europa und vor allem den USA sind die Straßen mit den Autos gewachsen. In Schwellenländern sieht das meist anders aus. Deshalb spielen etwa in Indien Zweiräder eine viel wichtigere Rolle als Autos. Die Menschen begeistern sich dort eher für Motorräder oder Mopeds. Entsprechend sehen wir dort gerade einen Boom im Sharing-Markt bei solchen Fahrzeugen. Auf all diese Unterschiede muss man sich als Anbieter einstellen und jeweils passende Lösungen finden.

Eine Frage an Sie als private Nutzerin: Was verbinden Sie mit „Neuer Mobilität“, welcher Aspekt des digital getriebenen Verkehrs in den Großstädten spricht Sie persönlich am meisten an? Und was bedeutet für Sie der Begriff Hypermotion?

Mein Mobilitätsverhalten passt sich jeweils der Situation und Umgebung an. Grundsätzlich möchte ich so flexibel und spontan wie möglich entscheiden, wie ich mich fortbewege. Ich habe zwar einen Führerschein, allerdings kein eigenes Auto, und in Anbetracht des Angebots in einer Großstadt wie Hamburg sehe ich auch keine Veranlassung, das zu ändern. Viel wichtiger als der Besitz eines Fahrzeugs ist für mich die Freiheit, wählen zu können, welches Verkehrsmittel ich gerade brauche. Dazu kommt die Zeit, die ich gewinne, wenn ich nicht selbst von A nach B fahren muss, sondern Mitfahrerin in gut vernetzten Mobilitätsdiensten bin – bei einem anderen Menschen oder zukünftig in autonom fahrenden Fahrzeugen. Das ist, wenn man so will, der Luxus der neuen Mobilität.

Der Markt wird immer diverser und verändert sich immer schneller. Früher gab es die Autobauer, den öffentlichen Personennahverkehr und die Bahn. Heute haben wir eine andere Situation: Stadtwerke zum Beispiel bringen jetzt ihre eigenen Angebote auf die Straße, Ridesharing-Anbieter sind zahlreich am Markt und natürlich auch eine Menge Start-ups. Das heißt, es gibt viel mehr Akteure, die die Gestaltung unserer Mobilität vorantreiben. Und wir stehen ja erst am Anfang: Menschen sind immer in Bewegung und deshalb auch immer auf der Suche nach neuen Formen der Fortbewegung. Neue Mobilität heißt deshalb, Technologie und Menschen zusammenzubringen und so Lösungen für individuelle Bedürfnisse zu finden. Wo das gelingt, entsteht „Hypermotion“.

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